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Grenzen setzen und trotzdem in Verbindung bleiben

5. Okt.
6 Min. Lesezeit

Wir möchten für andere da sein, verlässlich zusammenarbeiten und Beziehungen pflegen. Gleichzeitig haben wir eigene Bedürfnisse, begrenzte Kräfte und Vorstellungen davon, wie wir miteinander umgehen möchten. Schwierig wird es dort, wo wir eine Grenze spüren und sie zurückhalten, weil uns die Verbindung zu einem Menschen wichtig ist.


Vielleicht sagen wir dann doch zu, bleiben in einem Gespräch, für das uns gerade die Kraft fehlt, übernehmen etwas, das wir eigentlich nicht übernehmen möchten oder lassen eine Bemerkung stehen, die uns verletzt hat. Die eigene Grenze verschwindet dadurch nicht. Sie bleibt unausgesprochen und beeinflusst, wie wir den weiteren Kontakt erleben.


Sich besser abzugrenzen ist ein häufiges Anliegen im Coaching. Viele Menschen haben bereits Bücher gelesen, Formulierungen ausprobiert und wissen grundsätzlich, was sie verändern möchten. Dennoch gelingt es ihnen in der konkreten Situation nicht. Meine Erfahrung ist, dass Abgrenzung verschiedene Ebenen umfasst. Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht uns, eine Grenze zu erkennen, sie zu vertreten und im Alltag danach zu handeln.


Achtsamkeit ist dafür eine wichtige Grundlage. Sie hilft uns, im Kontakt mit anderen auch das eigene Erleben wahrzunehmen. Das brauchen wir sowohl beim Erkennen einer Grenze als auch dann, wenn unser Gegenüber darauf reagiert.


Die eigene Wahrnehmung ernst nehmen

Wenn wir mit jemandem sprechen, richtet sich unsere Aufmerksamkeit oft auf die andere Person. Wir hören, was sie braucht, verstehen ihre Schwierigkeiten und überlegen, wie wir helfen können. Wie es uns selbst dabei geht, kann in den Hintergrund geraten.


Achtsamkeit bedeutet, auch unsere Seite des Kontakts bewusst wahrzunehmen, unsere Gedanken, Gefühle und körperlichen Empfindungen. Vielleicht bemerken wir, dass wir angespannt werden. Dass uns eine Bitte widerstrebt. Oder dass wir bereits nach einer Möglichkeit suchen, etwas doch noch unterzubringen, obwohl wir keine Kraft dafür haben.


Zur achtsamen Wahrnehmung gehört, das eigene Erleben zunächst gelten zu lassen. Wenn wir unsere Müdigkeit sofort als Schwäche bewerten oder unseren Ärger für unangemessen halten, beschäftigen wir uns schon damit, wie wir eigentlich sein sollten. Was wir tatsächlich erleben, bekommt dann wenig Aufmerksamkeit.


Indem wir einen Moment bei unserer Wahrnehmung bleiben, können wir genauer verstehen, worum es geht. Vielleicht möchten wir grundsätzlich helfen, aber heute fehlt uns die Kraft. Vielleicht ärgern wir uns darüber, dass jemand erneut über unsere Zeit verfügt hat. Vielleicht verletzt uns die Art, in der mit uns gesprochen wird.


Daraus ergeben sich unterschiedliche Grenzen. Die Wahrnehmung allein legt unsere Antwort noch nicht fest. Sie gibt uns Informationen, die wir für eine stimmige Entscheidung brauchen.


Mental und emotional bei sich bleiben

Eine Grenze zu erkennen bedeutet noch nicht, ihr zu vertrauen. Wenn unser Gegenüber die Situation anders bewertet, geraten wir möglicherweise wieder ins Zweifeln. Ist es wirklich zu viel? Stelle ich mich an? Müsste ich nicht großzügiger sein?


Mentale Abgrenzung bedeutet, das eigene Urteil zu bewahren und fremde Perspektiven nicht unreflektiert zu übernehmen. Wir können die Sicht eines anderen Menschen anhören, sie prüfen und etwas daraus lernen. Gleichzeitig zählt unsere eigene Einschätzung darüber, was wir leisten können, was uns wichtig ist und was wir verantworten möchten.


Emotionale Abgrenzung bedeutet, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und sie nicht andauernd zu übergehen. Das ist besonders wichtig, wenn wir viel Verständnis für andere haben. Wir können nachvollziehen, warum jemand etwas von uns möchte, und zugleich wahrnehmen, dass diese Erwartung für uns nicht passt.


Achtsamkeit unterstützt beides. Wir bemerken die Gedanken, mit denen wir unsere Einschätzung infrage stellen, und die Gefühle, die wir gerade zurückhalten. So können wir prüfen, ob neue Informationen unsere Entscheidung tatsächlich verändern oder ob wir vor allem versuchen, eine unangenehme Reaktion zu vermeiden.


Wenn du eine konkrete Situation anschauen möchtest, kannst du dich fragen:

  • Wie erlebst du die Bitte oder Erwartung?

  • Was sagt deine eigene Einschätzung dazu?

  • Welche Gefühle übergehst du möglicherweise, um dem anderen gerecht zu werden?

  • Was möchtest du aus eigener Bereitschaft geben und wo liegt deine Grenze?


Die Grenze aussprechen und für sich einstehen

Aus der inneren Klärung kann eine verständliche Aussage werden. „Heute brauche ich den Abend für mich und möchte mich nicht verabreden.“ Oder: „Ich möchte vorher gefragt werden, bevor du meine Zeit mit einplanst.“


Verbale Abgrenzung bedeutet, die eigene Grenze klar zu benennen und für sich einzustehen, auch bei Gegenwind. Es geht deshalb auch darum, was nach dem ersten Satz geschieht. Bleiben wir bei unserer Aussage, wenn jemand nachfragt, enttäuscht reagiert oder versucht, uns umzustimmen?


Hier hilft uns die vorherige Klärung. Wenn wir wissen, warum wir eine Entscheidung getroffen haben, können wir sie erläutern, ohne bei jedem Einwand von vorn zu beginnen. Zugleich können wir zugewandt bleiben und hören, was unser Gegenüber beschäftigt.


Eine gemeinsame Lösung kann entstehen, wenn sie die Grenze tatsächlich berücksichtigt. Vielleicht lässt sich eine Verabredung verschieben oder eine Aufgabe anders verteilen. Entscheidend ist, dass wir zu einer Vereinbarung kommen, die wir aus eigener Überzeugung mittragen können.


Anders handeln und die Grenze erlebbar machen

Wenn wir eine Grenze ausgesprochen haben, stellt sich die Frage, wie sie sich im Alltag zeigt. Wer einen freien Abend braucht, muss ihn auch freihalten. Wer eine Aufgabe nicht mehr übernehmen möchte, muss sie nicht doch noch erledigen, sobald sie liegen bleibt.


Diese Verhaltensänderung ist eine eigene Ebene der Abgrenzung. Wir entscheiden und handeln anders, statt ausschließlich darauf zu hoffen, dass sich andere verändern. Dadurch wird unsere Grenze für sie erlebbar.


Das kann bedeuten, eine ohne Rücksprache getroffene Verabredung abzusagen. Oder ein Gespräch zu unterbrechen, wenn der Umgangston wieder die benannte Grenze überschreitet. Unser Handeln setzt um, was wir zuvor geklärt und ausgesprochen haben.


Achtsamkeit hilft uns dabei, die Momente zu erkennen, in denen wir wieder in die bisherige Gewohnheit geraten. Vielleicht greifen wir schon zum Telefon, obwohl wir heute nicht erreichbar sein wollten. Vielleicht übernehmen wir erneut die Organisation, bevor überhaupt besprochen wurde, wer zuständig ist. Wenn wir das bemerken, können wir innehalten und uns an unserer Entscheidung orientieren.


Sich mit der eigenen Grenze zeigen und ihre Folgen tragen

Mit verändertem Verhalten werden wir für andere auch auf eine neue Weise sichtbar. Wir sind vielleicht weniger verfügbar, übernehmen weniger oder vertreten eine Position, die nicht allen gefällt.


Konsequentes Selbstsein bedeutet, sich anderen mit der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Positionen zuzumuten. Wir bringen uns mit dem ein, was uns ausmacht. Dazu gehören unsere Zuwendung und Hilfsbereitschaft ebenso wie unsere Bedürfnisse, Unterschiede und Grenzen.


Damit ist eine weitere Voraussetzung verbunden, nämlich die Bereitschaft und Selbsterlaubnis, die Folgen der eigenen Grenze zu verantworten. Eine Grenze kann unbequem sein. Insbesondere Menschen, die von unserer bisherigen Verfügbarkeit profitiert haben, werden möglicherweise zunächst versuchen, den gewohnten Zustand wiederherzustellen.


Diese Reaktion kann uns verunsichern, selbst wenn unsere Entscheidung klar war. Achtsamkeit hilft, auch jetzt das eigene Erleben wahrzunehmen. Wir können bemerken, dass uns die Enttäuschung des anderen berührt oder dass wir uns schuldig fühlen. Dann können wir prüfen, ob es etwas zu klären gibt und ob wir unsere Entscheidung weiterhin für richtig halten.


So lernen wir, eine Grenze auch dann zu vertreten, wenn sie sich zunächst ungewohnt oder unangenehm anfühlt. Wir müssen nicht warten, bis sie für alle bequem geworden ist.


Wie Verbindung durch Klarheit wachsen kann

Wenn eine Grenze verlässlich gilt, kann sich das Zusammenspiel in einer Beziehung verändern. Erwartungen werden deutlicher, Verantwortung wird anders verteilt und beide Seiten wissen besser, worauf sie sich verlassen können. Mit der Zeit kann auch anfänglicher Widerstand nachlassen, wenn erkennbar wird, dass die Grenze bestehen bleibt.


Beziehungen können dadurch besser werden. Wir sagen aus eigener Bereitschaft zu und können uns auf gemeinsame Zeit oder eine Aufgabe einlassen, ohne uns dabei ständig zu übergehen. Unser Gegenüber lernt uns genauer kennen und kann unsere tatsächlichen Möglichkeiten berücksichtigen.


Ob das gelingt, hängt von beiden Seiten ab. Wenn Grenzen wiederholt missachtet werden und Respekt fehlt, braucht es gegebenenfalls konsequentere Entscheidungen darüber, wie der Kontakt weitergeführt wird.


In Verbindung zu bleiben bedeutet, sich selbst und den anderen wahrzunehmen und das Miteinander auf dieser Grundlage zu gestalten. Achtsamkeit unterstützt uns darin, die eigene Position zu vertreten und zugleich offen für das zu bleiben, was unser Gegenüber erlebt.


Fazit: Die eigene Grenze gehört zur Beziehung

Gesunde Abgrenzung entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Fähigkeiten:

das eigene Urteil bewahren, Gefühle ernst nehmen, Grenzen aussprechen, entsprechend handeln und sich anderen mit der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Positionen zeigen. Dazu gehört die Bereitschaft, die Folgen der eigenen Grenze zu tragen.


Achtsamkeit verbindet diese Ebenen mit unserem konkreten Erleben. Wir merken früher, was für uns nicht passt, erkennen unsere Reaktionen im Gespräch und können bewusster entscheiden, wie wir handeln möchten.


So können wir Beziehungen mitgestalten, in denen wir zugewandt bleiben und uns zugleich mit unseren Bedürfnissen und Grenzen einbringen. Denn Verbindung wird tragfähig, wenn beide Menschen darin vorkommen.

Grenzen setzen und trotzdem in Verbindung bleiben

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