top of page

Konflikte im Alltag klären. Drei Übungen für mehr Verbindung

4. Sept.
5 Min. Lesezeit

Konflikte verändern Beziehungen. Wenn Spannungen unausgesprochen bleiben, werden Gespräche vorsichtiger, Rückzug und Misstrauen nehmen zu. Eine Klärung kann wieder Verlässlichkeit herstellen. Dafür müssen die Beteiligten verstehen, was geschehen ist, wie es auf sie gewirkt hat und was sie künftig anders machen wollen.


Vor dem Gespräch

Im Konflikt vermischen sich schnell verschiedene Dinge. Wir erinnern uns an das, was gerade geschehen ist, denken an ähnliche Situationen aus der Vergangenheit und ziehen daraus Schlüsse über die andere Person.


Aus einem nicht eingehaltenen Termin wird dann mangelnde Wertschätzung. Eine ungeklärte Entscheidung gilt als Beweis dafür, dass wir grundsätzlich übergangen werden. Vielleicht trifft diese Einschätzung zu. Vielleicht gibt es eine andere Erklärung. Das lässt sich erst im Gespräch klären.


Deshalb ist es hilfreich, die eigene Sicht vorher zu sortieren. Das nimmt dem Gespräch nichts von seiner Emotionalität. Es verhindert aber, dass der konkrete Anlass hinter grundsätzlichen Vorwürfen verschwindet.


Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Eine persönliche Abwertung oder ein Übergriff sollte unmittelbar gestoppt werden. Für die ausführliche Klärung eignet sich ein späterer Termin möglicherweise besser. Beide Seiten sollten in der Lage sein, zuzuhören und zusammenhängend zu sprechen.


Übung 1: Die eigene Reaktion sortieren

Nimm ein Blatt Papier und teile es in vier Bereiche auf:

  1. Was ist geschehen?

  2. Wie habe ich die Situation verstanden?

  3. Welche Folgen hatte sie für mich?

  4. Was möchte ich jetzt klären?


Beginne mit dem beobachtbaren Geschehen. Was hat die andere Person gesagt oder getan? Wann und in welchem Zusammenhang ist es passiert? Formuliere die Beschreibung so, dass eine außenstehende Person sie nachvollziehen könnte.


Anschließend notierst du deine Interpretation. Vielleicht hast du eine Entscheidung als Eingriff in deine Verantwortung erlebt. Eine kurzfristige Absage wirkte auf dich rücksichtslos. Aus einem knappen Kommentar hast du eine Abwertung herausgehört.


Diese Deutung gehört zu deiner Erfahrung. Sie ist trotzdem nicht dasselbe wie das beobachtbare Verhalten. Im Gespräch kannst du prüfen, ob du die Absicht der anderen Person richtig verstanden hast.


Danach hältst du fest, welche Wirkung die Situation auf dich hatte. Ist zusätzliche Arbeit entstanden? Hast du dich zurückgezogen? Wurde dein Vertrauen beschädigt? Fällt dir die weitere Zusammenarbeit seitdem schwer?


Zum Schluss formulierst du, was du mit dem Gespräch erreichen möchtest. „Ich will endlich verstanden werden“ beschreibt einen verständlichen Wunsch, gibt dem Gespräch aber wenig Richtung. Konkreter wäre der Wunsch nach einer früheren Abstimmung, einer klaren Aufgabenverteilung oder einem anderen Umgang mit Kritik.


Übung 2: Beobachtung und Wirkung ansprechen

Beginne das Gespräch mit der konkreten Situation. Beschreibe danach, was sie für dich oder die Zusammenarbeit bedeutet hat.


Eine mögliche Formulierung wäre:

„Du hast die Änderung am Mittwoch direkt an das Team geschickt. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch für die Abstimmung verantwortlich und hatte einen anderen Stand vorbereitet. Dadurch entstanden zwei verschiedene Arbeitsaufträge. Ich möchte verstehen, wie es zu deiner Entscheidung kam.“


Damit benennst du den Vorgang, seine Auswirkung und deine offene Frage.


Aussagen wie „Du übergehst mich immer“ oder „Dir ist meine Arbeit egal“ führen schnell vom Geschehen weg. Sie schreiben der anderen Person eine Haltung oder Absicht zu. Das Gegenüber beginnt dann wahrscheinlich, sich gegen diese Zuschreibung zu verteidigen.


Nachdem du deine Sicht dargestellt hast, braucht auch die andere Person Gelegenheit, ihre Wahrnehmung zu schildern. Höre zunächst zu und fasse anschließend mit eigenen Worten zusammen, was du verstanden hast.


Das kann sich ungewohnt anfühlen, besonders wenn du anderer Meinung bist. Verstehen bedeutet aber nicht, der anderen Person recht zu geben. Du prüfst lediglich, ob du ihre Sicht richtig erfasst hast.


Vielleicht erfährst du, dass sie unter hohem Zeitdruck entschieden hat. Vielleicht ging sie davon aus, dass deine Zuständigkeit bereits beendet war. Oder sie bestätigt, dass sie bewusst an dir vorbeigegangen ist. Jede dieser Antworten verlangt eine andere Reaktion.


Übung 3: Eine Vereinbarung treffen

Ein Gespräch kann entlasten und trotzdem folgenlos bleiben. Die Beteiligten verstehen einander etwas besser, kehren anschließend jedoch in dieselben Abläufe zurück.

Deshalb braucht es am Ende eine konkrete Vereinbarung. Was soll beim nächsten Mal anders geschehen?


„Wir kommunizieren künftig besser“ ist dafür zu unbestimmt. Eine klare Vereinbarung könnte lauten: Änderungen an einem Arbeitsauftrag werden zuerst zwischen den beiden Verantwortlichen abgestimmt. Zusätzlich wird festgelegt, über welchen Kanal die Abstimmung erfolgt und wer entscheidet, wenn innerhalb der verfügbaren Zeit keine Einigung möglich ist.


Auch im privaten Umfeld helfen konkrete Absprachen. Wer sich bei einer Verspätung meldet, ab welchem Zeitpunkt eine Rückmeldung erwartet wird oder welche Themen nicht zwischen Tür und Angel besprochen werden, lässt sich eindeutig vereinbaren.


Die Regelung sollte zu den tatsächlichen Bedingungen passen. Eine Absprache, für die niemand Zeit hat oder die von einer nicht anwesenden Person entschieden werden müsste, wird im Alltag kaum funktionieren.


Bei beruflichen Konflikten kann es sinnvoll sein, das Ergebnis kurz schriftlich festzuhalten. Nach einigen Wochen lässt sich prüfen, ob die Vereinbarung trägt oder angepasst werden muss.


Was Verbindung nach einem Konflikt bedeutet

Ein klärendes Gespräch beseitigt nicht sofort jede Verletzung. Vertrauen kehrt durch weitere Erfahrungen zurück. Absprachen werden eingehalten, Irritationen früher angesprochen und die Beteiligten erleben, dass sie sich wieder aufeinander verlassen können.


Im beruflichen Zusammenhang bedeutet Verbindung nicht zwangsläufig persönliche Nähe. Menschen können unterschiedlich sein, sich wenig sympathisch finden und trotzdem belastbar zusammenarbeiten.


Dafür müssen sie widersprechen, Fehler ansprechen und Grenzen benennen können, ohne mit Abwertung oder Rückzug bestraft zu werden. Sie brauchen außerdem eine gemeinsame Vorstellung davon, wie Entscheidungen getroffen und Aufgaben verteilt werden.


Auch im privaten Umfeld entsteht Verbindung nicht durch vollständige Übereinstimmung. Zwei Menschen können eine Situation verschieden bewerten. Wichtig ist, ob beide Seiten bereit sind, die Wahrnehmung des anderen anzuhören und Verantwortung für den eigenen Anteil zu übernehmen.


Manchmal bleibt ein Unterschied bestehen. Dann stellt sich die Frage, ob und wie die Beziehung mit diesem Unterschied weitergeführt werden kann.


Grenzen der persönlichen Klärung

Nicht jeder Konflikt lässt sich durch ein besser geführtes Gespräch lösen. Bei wiederholter Abwertung, Einschüchterung, Diskriminierung oder Machtmissbrauch trägt die betroffene Person nicht die Verantwortung dafür, durch geschickte Kommunikation wieder Verbindung herzustellen.


Im beruflichen Umfeld müssen dann Führung, Personalbereich, Interessenvertretung oder andere zuständige Stellen einbezogen werden. Bei stark verhärteten Konflikten kann eine neutrale Moderation helfen.


Auch eine Moderation kann notwendige Entscheidungen nicht ersetzen. Wenn Zuständigkeiten ungeklärt sind, Ressourcen fehlen oder Grenzen verletzt wurden, müssen die verantwortlichen Personen handeln.


Im privaten Bereich kann eine Klärung ebenfalls zu dem Ergebnis führen, dass mehr Abstand oder das Ende einer Beziehung nötig ist. Verbindung ist kein Wert, der um jeden Preis erhalten werden muss.


Fazit: Vom Erleben zur Vereinbarung

Eine gute Konfliktklärung beginnt mit der eigenen Vorbereitung. Wir unterscheiden das beobachtbare Geschehen von unserer Interpretation und klären, was wir mit dem Gespräch erreichen wollen.


Im Gespräch beschreiben wir den konkreten Anlass und seine Wirkung. Wir hören die Sicht der anderen Person an und prüfen, was davon unsere bisherige Einschätzung verändert.


Am Ende steht eine Vereinbarung darüber, was künftig anders geschehen soll. Daran zeigt sich später, ob die Klärung den Alltag tatsächlich verändert hat.



konflikte in Verbindung klären



bottom of page