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Führung zwischen Kontrolle und Vertrauen

2. Sept.
6 Min. Lesezeit

Führungskräfte sollen eigenständiges Arbeiten ermöglichen und zugleich für Qualität, Termine und Risiken einstehen. Wie eng sie eine Aufgabe begleiten, hängt von der Aufgabe, den möglichen Folgen einer Fehlentscheidung und der Erfahrung der zuständigen Person ab. Dafür braucht es klare Aufträge, passende Befugnisse und Absprachen darüber, wann eine Rücksprache notwendig ist.


Verantwortung lässt sich nicht einfach übergeben

Wenn eine Führungskraft eine Aufgabe delegiert, überträgt sie meist auch einen Teil der Entscheidungsbefugnis und die Verantwortung für das vereinbarte Ergebnis. Ihre eigene Verantwortung endet damit nicht.


Sie bleibt dafür zuständig, die geeignete Person auszuwählen, den Auftrag verständlich zu formulieren und die notwendigen Arbeitsbedingungen herzustellen. Dazu gehören ausreichend Zeit, verfügbare Informationen, passende Befugnisse und der Zugang zu benötigten Ressourcen.


Wer eine Aufgabe überträgt und weiterhin jede Entscheidung selbst trifft, lässt kaum eigenständiges Arbeiten zu. Umgekehrt kann niemand ein Ergebnis verantworten, wenn die nötigen Entscheidungen an anderer Stelle getroffen werden.


Vor Beginn sollte deshalb geklärt sein:

  • Welches Ergebnis wird gebraucht?

  • Welche Anforderungen müssen erfüllt sein?

  • Worüber darf die zuständige Person selbst entscheiden?

  • Wann ist eine Rücksprache erforderlich?

  • Welche Zeit und welche Ressourcen stehen zur Verfügung?

  • Von welchen Personen oder Bereichen hängt die Aufgabe ab?


Unklare Aufträge erzeugen später Kontrolle. Wenn Ziel, Befugnisse und Grenzen offenbleiben, versucht die Führungskraft häufig während der Bearbeitung nachzusteuern. Für die zuständige Person wird dann schwer erkennbar, was sie tatsächlich selbst entscheiden darf.


Kontrolle muss zur Aufgabe passen

Nicht jede Aufgabe braucht dieselbe Begleitung. Rechtliche Vorgaben, hohe finanzielle Risiken oder schwer umkehrbare Entscheidungen verlangen andere Prüfungen als eine vertraute Routineaufgabe mit überschaubaren Folgen.


Auch die Erfahrung der zuständigen Person spielt eine Rolle. Eine langjährige Mitarbeiterin kann in einem neuen Verantwortungsbereich mehr Austausch benötigen. Ein neuer Mitarbeiter verfügt möglicherweise über viel Erfahrung mit der konkreten Aufgabe und kann sie von Anfang an eigenständig übernehmen.


Die Position oder Betriebszugehörigkeit allein sagt wenig darüber aus, wie eng eine Aufgabe begleitet werden sollte. Maßgeblich sind die vorhandenen Kenntnisse, die Vertrautheit mit dem betrieblichen Zusammenhang und das Risiko der Entscheidung.


Kontrollpunkte können vorab vereinbart werden. Sie beziehen sich beispielsweise auf eine Budgetgrenze, bestimmte Projektphasen oder verbindliche Qualitätskriterien. Die Mitarbeitenden kennen dadurch ihren Spielraum. Die Führungskraft erhält die Informationen, die sie für ihre eigene Verantwortung braucht.


Unangekündigte Kontrollen und nachträglich veränderte Anforderungen machen eine Delegation unberechenbar. Mitarbeitende sichern dann auch kleine Entscheidungen ab, weil sie nicht wissen, welche davon später infrage gestellt werden.


Wie Mikromanagement entsteht

Mikromanagement zeigt sich weniger daran, dass eine Führungskraft überhaupt kontrolliert. Es zeigt sich an der Art und Häufigkeit ihrer Eingriffe.


Einzelne Arbeitsschritte werden überprüft, obwohl das Ergebnis und die Grenzen bereits vereinbart wurden. Zusätzliche Zwischenstände kommen hinzu. Die Führungskraft korrigiert nach persönlicher Vorliebe oder übernimmt Entscheidungen, die sie zuvor übertragen hat.


Dahinter muss keine schlechte Absicht stehen. Vielleicht möchte die Führungskraft unterstützen, Fehler vermeiden oder ihre eigene Verantwortung ernst nehmen. Für die Zusammenarbeit sind jedoch die Folgen ausschlaggebend.


Mitarbeitende warten zunehmend auf Anweisungen. Sie sichern jede Abweichung ab und geben Entscheidungen zurück. Eigene Verantwortung wird riskant, weil jederzeit mit einer nachträglichen Korrektur gerechnet werden muss.


Gleichzeitig sammelt die Führungskraft immer mehr Entscheidungen bei sich. Abstimmungen dauern länger, Aufgaben bleiben liegen und für die eigentliche Führungsarbeit fehlt die Zeit.


Einige Fragen helfen bei der Überprüfung:

  • Welche Kontrollen sind wegen eines realen Risikos notwendig?

  • Welche Informationen brauche ich tatsächlich?

  • Welche Entscheidungen können bei den zuständigen Mitarbeitenden bleiben?

  • Greife ich ein, weil das Ergebnis gefährdet ist, oder weil ich selbst anders vorgehen würde?


Nicht jede andere Arbeitsweise ist eine schlechtere Arbeitsweise. Wer Verantwortung überträgt, muss akzeptieren, dass eine andere Person einen eigenen Weg zum vereinbarten Ergebnis wählt.


Vertrauen beruht auf Erfahrungen

Vertrauen im Arbeitskontext entsteht durch wiederholte Erfahrungen. Vereinbarungen werden eingehalten, Schwierigkeiten früh angesprochen und Entscheidungen innerhalb des geklärten Rahmens getroffen.


Nach mehreren guten Erfahrungen kann der Handlungsspielraum erweitert werden. Eine neue Aufgabe wird zunächst enger begleitet. Später reichen größere Abstände zwischen den Rückmeldungen oder eine Information nach Abschluss.


Auch Fehler gehören zu diesen Erfahrungen. Eine eigenständig getroffene Entscheidung kann sich im Nachhinein als ungünstig erweisen. Für die Bewertung ist wichtig, wie sie zustande gekommen ist. Welche Informationen waren zu diesem Zeitpunkt verfügbar? Wurden die vereinbarten Grenzen eingehalten? War die Abwägung nachvollziehbar? Wurde ein auftretendes Problem früh mitgeteilt?


Ein ungünstiges Ergebnis beweist nicht automatisch, dass die Entscheidung verantwortungslos war. Wer jede Fehlentscheidung mit engerer Kontrolle beantwortet, fördert vor allem Absicherung. Mitarbeitende lernen dann, Risiken an die Führungskraft zurückzugeben.


Eigenständigkeit verlangt allerdings Offenheit. Eine absehbare Verzögerung oder ein erhebliches Risiko muss früh angesprochen werden. Werden vereinbarte Grenzen wiederholt überschritten oder wichtige Informationen zurückgehalten, muss der Handlungsspielraum neu geklärt werden.


Vertrauen bedeutet deshalb keine bedingungslose Vorschussleistung. Es entwickelt sich aus Erfahrungen und kann nach enttäuschten Vereinbarungen wieder aufgebaut werden.


Abstimmungen vorher vereinbaren

Viele Spannungen entstehen, weil Führungskraft und Mitarbeitende unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie viel Austausch zu einer übertragenen Aufgabe gehört.

Die Führungskraft erwartet regelmäßige Informationen. Die zuständige Person geht davon aus, weitgehend allein arbeiten zu sollen. Eine Nachfrage wird dann als Misstrauen erlebt. Aus Sicht der Führungskraft fehlen dagegen wichtige Informationen.


Solche Missverständnisse lassen sich durch klare Absprachen reduzieren. Wann wird ein Zwischenstand gegeben? Welche Abweichungen müssen sofort gemeldet werden? Über welche Fragen entscheidet die zuständige Person selbst? Welche Entscheidung bleibt bei der Führungskraft?


Auch die Form der Rückmeldung sollte zur Aufgabe passen. Ein komplexes Projekt braucht andere Abstimmungen als eine regelmäßig wiederkehrende Tätigkeit. Nicht jede Information verlangt eine Besprechung. Manchmal reicht ein kurzer schriftlicher Stand.


Bei klaren Entscheidungsgrenzen muss die Führungskraft nicht jeden Arbeitsschritt verfolgen. Sie wird an den vereinbarten Punkten einbezogen und greift ein, wenn ein Risiko außerhalb des übertragenen Rahmens liegt.


Fragen müssen wirkliche Fragen bleiben

Führungskräfte versuchen mitunter, über Fragen mehr Eigenständigkeit zu fördern. Ob das gelingt, hängt davon ab, was anschließend mit der Antwort geschieht.


Eine Führungskraft fragt eine Mitarbeiterin nach ihrer Risikoeinschätzung. Danach ignoriert sie die Antwort und gibt den gesamten Lösungsweg vor. Die Frage hatte dann kaum einen anderen Zweck als eine direkte Anweisung.


Eine kritische Nachfrage kann dagegen zur eigenständigen Entscheidung beitragen. Die Mitarbeiterin erläutert ihre Abwägung, prüft einen bisher übersehenen Punkt und entscheidet anschließend selbst innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs.


Führungskräfte sollten daher offen sagen, was sie mit einer Rückfrage beabsichtigen. Geht es um eine Information für eine eigene Entscheidung? Soll die andere Person ihre Überlegungen noch einmal prüfen? Oder wird eine Vorgabe gemacht, weil eine Risikogrenze erreicht ist? Diese Klarheit verhindert, dass vorgebliche Beteiligung als verdeckte Kontrolle erlebt wird.


Wenn Führung eingreifen muss

Führungskräfte tragen Verantwortung für die Verteilung von Aufgaben, Befugnissen und Ressourcen. Sie müssen handeln, wenn Ziele unter den vorhandenen Bedingungen nicht erreichbar sind oder Mitarbeitende einen Konflikt innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs nicht lösen können. Auch bei rechtlichen Verstößen, erheblichen Risiken oder einem Verhalten, das andere Menschen oder die Zusammenarbeit beschädigt, ist ein Eingreifen erforderlich.


Eine Korrektur sollte begründet und in ihrer Reichweite klar sein. Wird eine einzelne Entscheidung geändert? Gelten künftig andere Grenzen? Oder wird die Aufgabe vollständig zurückgenommen? Ohne diese Klärung wissen Mitarbeitende nicht, welcher Teil ihrer Verantwortung bestehen bleibt. Aus einer notwendigen Korrektur entsteht dann schnell allgemeine Unsicherheit.


Führung übernimmt in solchen Situationen die Verantwortung, die zu ihrer Rolle gehört. Das ist etwas anderes, als jede fachliche Entscheidung vorsorglich selbst zu treffen.


Verantwortung und Befugnisse müssen zusammenpassen

In Organisationen werden Aufgaben mitunter delegiert, während wichtige Entscheidungen auf einer höheren Ebene verbleiben. Die zuständige Person soll ein Ergebnis liefern, kann aber weder Prioritäten verändern noch über die notwendigen Mittel verfügen.


Das führt leicht zu Konflikten. Die Führungskraft erwartet Verantwortung für das Ergebnis. Die Mitarbeitenden erleben, dass sie auf wesentliche Bedingungen keinen Einfluss haben.

Deshalb sollten Aufgabe, Verantwortung und Befugnisse gemeinsam betrachtet werden. Wer für ein Budget verantwortlich ist, braucht einen festgelegten Entscheidungsspielraum. Wer ein Projekt leitet, muss wissen, welche Ressourcen zugesagt sind. Wer ein Teamziel erreichen soll, braucht eine Möglichkeit, widersprüchliche Anforderungen anzusprechen.


Zielkonflikte, die innerhalb des übertragenen Rahmens nicht gelöst werden können, gehören zurück auf die zuständige Führungsebene. Sie dürfen nicht als mangelnde Eigenständigkeit der Mitarbeitenden behandelt werden.


Fazit: Klarheit ermöglicht Vertrauen

Vertrauen und Kontrolle sind keine Gegensätze, zwischen denen sich eine Führungskraft grundsätzlich entscheiden muss. Beide beziehen sich auf die gemeinsame Verantwortung für ein Ergebnis.


Mitarbeitende können eigenständig handeln, wenn Auftrag, Befugnisse und Grenzen geklärt sind. Führungskräfte können ihre Kontrolle auf die Stellen begrenzen, an denen Risiken geprüft oder übergeordnete Entscheidungen getroffen werden müssen.


Eine gute Delegation macht für beide Seiten erkennbar, wer worüber entscheidet, wann eine Rücksprache erforderlich ist und wie mit Abweichungen umgegangen wird. Die Führungskraft bleibt verantwortlich, ohne jede Entscheidung selbst übernehmen zu müssen.


Führung zwischen Kontrolle und Vertrauen

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